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Kein Schönwetterpolitiker


Aus der MAZ, 2007-03-02

Brieselanger nehmen Abschied von Wolfgang Oestreich

ANKE FIEBRANZ

BRIESELANG. Fast immer hat Wolfgang Oestreich dort gesessen, wenn sich Brieselangs Gemeindevertreter trafen. An der linken Seite des Tisches, vom Zuschauerraum aus gesehen. Am vergangenen Mittwochabend war es anders. Gelbe Rosen und ein Photo standen auf seinem Platz.

Wolfgang Oestreich ist am 22. Februar nach schwerer Krankheit verstorben. Viele Menschen, nicht nur Brieselangs Kommunalpolitiker, erinnern sich in diesen Tagen an den Mann, der so hartnäckig sein konnte, wenn er von einer Sache überzeugt war. "Er war eine der bekanntesten Persönlichkeiten in Brieselang", sagte Ralf Kothe, Vorsitzender der Gemeindevertretung, in einer bewegenden Rede zum Gedenken. Darin ließ er Oestreichs Leben Revue passieren.

Geboren am 29. Januar 1936 in Berlin, verschlug es den kleinen Wolfgang mit seiner Familie im Krieg 1943 nach Brieselang. Dort besuchte er die Schule. Er wurde Uhrmacher. Ein Beruf, dem er sich mit Leib und Seele hingab – daran erinnert sich der heutige Gemeindebürgermeister Wilhelm Garn. Der Neu-Brieselanger hatte Wolfgang Oestreich vor zwölf Jahren aufgesucht, weil er eine Uhr reparieren lassen wollte.

1961, in der Nacht des Mauerbaus war Wolfgang Oestreich auf gefährlichen Pfaden von einem Besuch aus dem westlichen Teil Berlins zurückgekehrt. Zu Hause wartete der pflegebedürftige Vater. Oestreich blieb in Brieselang, war seit 1967 als Uhrmachermeister selbstständig und als aktiver Feuerwehrmann oft unterwegs.

Schon vor der Wende galt er als Anhänger der West-CDU. Als die DDR unterging, war der Brieselanger Mitbegründer der Deutschen Sozialen Union auf Landesebene, später trat er zur CDU über. Seit 1990 war er Mitglied der Gemeindevertretung, zuletzt gehörte er der Fraktion Unabhängige Christdemokraten Brieselang an. Wolfgang Oestreich hatte auch viele Jahre ein Mandat im Kreistag Havelland, war dort für die CDU Vorsitzender des Haushalts- und Finanzausschusses.

Für zwei Themen brannte er: Wenn es um das Grabensystem in Brieselang oder um den örtlichen Straßenbau ging, konnte er stundenlang diskutieren und streiten. "Ich will Ihnen was zeigen. Sehen Sie mal", sagte er mit verschmitztem Lächeln. Dann zog er oft umfangreiches Material hervor, um seine Argumente zu beweisen.

Das mit den Gräben rührte aus der Nachwendezeit her, als Uhrreparaturen nicht mehr so gefragt waren, weil viele auf billige Wegwerfprodukte umstiegen. In einer ABM befasste sich Oestreich dann mit der Grabenpflege. Das Freihalten der Wasseradern mahnte er stets an. "Er sah seinen Auftrag immer darin, Bürgeranliegen zu seiner Sache zu machen", sagte Ralf Kothe. So habe er die bürgerfreundliche Abrechnung von Straßenbaumaßnahmen erreichen wollen. Hatte sich Oestreich nach intensivem Aktenstudium eine Meinung gebildet, konnte ihn niemand so leicht umstimmen. Ein Beispiel dafür ist gewiss seine rechtliche Bewertung des Straßenbaus in Brieselang. Kothe sagte treffend: "Er war kein Schönwetterpolitiker." – "Wir sind dankbar, dass er uns so viele Tage zur Seite gestanden hat, auch kritisch", so Bürgermeister Garn.

Wolfgang Oestreich hinterlässt seine Frau Bruni, drei Kinder und sieben Enkel. Morgen wird er auf dem Brieselanger Waldfriedhof beigesetzt.

 

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