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Über den Tag hinaus
HAUTNAH – Die Reportage
2007-11-03
Ehrenamt ist wichtig, aber nicht selbstverständlich. Sport- und Jugendvereine, Sozialverbände und Kirchen leben vom Ehrenamt. Auch Kommunalpolitiker in Brieselang wirken ehrenamtlich. Sie sind der Pfeiler unseres Gemeinwesens. Doch ihre Arbeit ist weitgehend unbekannt.
Reformationstag. Gleich nach dem Frühstück surrt der Computer. 14 neue E-Mails liegen in Ralf Kothes Postfach. Vorstandsmitglieder der CDU haben Texte für das neue Flugblatt gesendet. Auch Michael Koch, der Fraktionsvorsitzende der CDU in der Gemeindevertretung Brieselang. Er fasste den Streit um die Investitionen für 2008 zusammen und erläutert den neuen Vorschlag, sowohl Kita-Neubau als auch Sanierung des Sportplatzes zu erreichen.
Der 25-jährige Michael Koch, am Samstag zuvor zu einem der stellvertretenden Kreisvorsitzenden der CDU Havelland gewählt, sitzt ebenfalls schon wieder an seinem Computer. Nach mehreren Treffen mit Bürgermeister Wilhelm Garn und weiteren Telefonaten formuliert Koch Eckpunkte für die CDU-Politik der nächsten Jahre. Am Freitag will der Vorstand darüber befinden.
Eine Stunde vor Mittag geht das Flugblatt an alle Vorstandsmitglieder und Gemeindevertreter der CDU zurück. Auf dem Titelblatt fehlen aber noch die Angaben der Frauen-Union. Rückmeldung bis Donnerstag erbeten.
24 Stunden später nutzt Kothe seine Mittagspause im Büro, um das Feedback zum Flugblatt zu prüfen. Noch immer fehlt der Text über die Frauen-Union. Ein Telefonat bringt Klarheit. Claudia Wegerich aus Zeestow, neue Kreisvorsitzende der Frauen-Union, ist bei einem Seminar und kann den gewünschten Bericht nicht liefern. Am Abend steht eine Vorstandssitzung der FU im Terminplan. Wegerich verspricht für Freitagmorgen einen Rückruf. Redakteur Kothe stimmt sich sofort mit Peter Deblon, dem stellvertretenden Ortsvorsitzenden, ab. Entscheidung: Es wird gewartet. Kleinere Änderungen an den anderen Texten sind abgestimmt. 
Claudia Wegerich, Michael Koch und Peter Deblon (oben), Ralf Kothe und Wilhelm Garn (unten) Am Nachmittag eröffnen Bürgermeister Wilhelm Garn und Ralf Kothe, der in der Gemeindevertretung auch den Ausschuss für Gemeindeentwicklung leitet, zusammen mit Anliegern die neuen Straßen um Süd-, östliche Vorholz- und Erich-Mühsam-Straße. Auch Michael Koch ist dabei. Möglichkeit zur kurzen Abstimmung. Morgen tagen Vorstand und Fraktion, bereiten die Mitgliederversammlung in 14 Tagen vor. Anlieger treten zu den Dreien und lenken das Thema auf die Verkehrssicherheit. Warum können die neuen Straßen nicht für Schrittgeschwindigkeit ausgelegt werden? Die Straßen verlaufen nur durch das Quartier. „Wer rast hier?“, fragt der Bürgermeister. Fremde sind es nicht. Tempo 30 gilt, mehr ist durch die Gemeinde nicht reglementierbar. Wer hier rast, macht sich bei seinen Nachbarn unbeliebt.
Michael Koch ist als der neue Stellvertreter des CDU-Kreisvorsitzenden Dombrowski am Abend Referent vor der Frauen-Union. Wie können die Frauen Gleichgesinnte erreichen und zum Mittun bewegen? Wie bereitet sich frau auf ein kommunales Mandat vor? Wie wird gewählt? Und wer entscheidet, welche Kandidaten eigentlich auf dem Wahlzettel erscheinen? Es wird ein langer Abend. Wieder einmal. Als er nach Hause kommt, ist es schon spät. Eine Runde mit dem Hund, dann muss er noch einmal an den Computer. Nach dem Feinschliff verschickt Michael Koch nachts um 1:07 Uhr seinen Text für den Vorstand. Dann sichtet er noch die Unterlagen zum CDU-Landesparteitag am Wochenende. Als Delegierter muss er über 500 Änderungsanträge zu einem Grundwertepapier des CDU-Landesverbandes befinden.
Am Morgen telefonieren Claudia Wegerich und Ralf Kothe. Die aktuellen Infos der Frauen-Union werden ins Flugblatt eingefügt und nochmals an alle Vorstandsmitglieder verschickt. Am Mittag sind 150 Exemplare auf orangefarbenen Papier gedruckt. Geschafft. Doch die Web-Variante des Flugblatts muss warten, die nächsten Termine rufen. Obwohl die Lokführer diese Woche nicht streiken, fällt der Zug aus: Die Lokomotive ist kaputt, verkündet der Lautsprecher. Der Pendler hat wieder eine halbe Stunde weniger für die Familie.
Das Wochenende beginnt für Koch, Garn und Kothe mit einem Termin bei einem Sozialverein. Die Diskussion um Gewaltprävention an den Schulen verläuft zäh und ohne Ergebnis, bevor die Drei zur CDU-internen Vorstandssitzung weiter ziehen.
Für 19 Uhr hat Peter Deblon zur CDU-Vorstandssitzung eingeladen. Bis 21:15 Uhr werden die anstehenden Veranstaltungen besprochen. Erstens Wahl. Zweitens Weihnachtsfahrt und Weihnachtsfeier. Deblon will als Vorsitzender für die nächsten zwei Jahre kandidieren. Wie läuft die Sitzung am 16. November 2007 ab? Wer leitet die Wahl, wer übernimmt welches Amt? Koch stellt kurz seinen Text vor. In zwei Wochen wird er ihn den Mitgliedern präsentieren. Aufgaben werden verteilt, jeder Teilnehmer muss zum Gelingen der nächsten Veranstaltungen etwas beitragen.
Im Anschluss stellt Kothe zuhause die Inhalte des neuen Flugblatts online. Zu den 150 gedruckten Exemplaren kommen ein paar Dutzend Zugriffe über das Internet. Ein E-Mail-Newsletter streut die Themen an Interessierte, die sich dafür angemeldet haben.
Knapp neun Stunden später: Während Michael Koch zum CDU-Landesparteitag nach Potsdam aufbricht, biegt Kothe auf den Parkplatz des REWE-Marktes. Peter Deblon, Kothe sowie Peter Abel platzieren einen CDU-Stand direkt vor dem Eingang des Supermarktes. Jeden ersten Samstag im Monat verteilt die CDU ihr Flugblatt und versucht, mit Bürgern ins Gespräch zu kommen. Gut zwei Stunden stehen sie an diesem Morgen im Nieselregen. Die ersten Brieselanger huschen vorbei, haben ein paar Brötchen geholt. Schnell wollen sie zurück. Oft ernten die Christdemokraten ein Murren in dieser frühen Stunde.
Kälte und Feuchtigkeit kriechen unter die Jacken. Hell wird es an diesem Vormittag nicht richtig unter den Regenwolken. Wie das Wetter sind manche Reaktionen: Wirsch weist ein älterer Herr die Ansprache von Peter Deblon zurück. Nein, er werde das Flugblatt nicht mitnehmen. „Alles Lügen“, sagt einer. „Ich kann nicht lesen“, ein anderer. Deblon bleibt sachlich, doch er bleibt verlassen zurück. Diese Szene schließt Bernhard Schaller in seinem Gedächtnis ein. Der Zeichner und Karrikaturist hält diese Szene fest. Die örtliche Zeitung "Brieselanger Echo" wird die Karrikatur später abdrucken.
Viel lieber sind Deblon jene Passanten, die Fragen stellen und nach Antworten suchen. Wie das Ehepaar aus der Maxim-Gorki-Straße, das über die Schlaglöcher schimpft. Manche Brieselanger kommen jedes Mal, halten am CDU-Stand einen kurzen Plausch, freuen sich, wenn das im letzten Monat gemeldete defekte Straßenlicht wieder leuchtet.
Nach 9 werden die Reaktionen freundlicher. Die Flugblätter sind jedoch inzwischen nass geworden. Trotzdem greifen die Passanten zu. Für die Themen Sportplatz und Haushalt, Windenergie und die Verkehrssicherheit von Radfahrern sind inzwischen mehr Bürger zu begeistern.
Doch warum tut sich das jemand an?
Es ist, so sind sich die Protagonisten einig, wie ein innerer Drang. Die Arbeit ist manchmal zeitraubend und unbeliebt. "Doch wer soll es machen, wenn nicht wir", lautet unisono die schlichte und zutreffende Antwort. Sie wollen nicht auf andere warten, um für die eigene Heimatgemeinde etwas zu bewegen. So sind sie, die CDU-Frauen und -Männer aus Brieselang. Eine unbezahlte, aber nötige Arbeit. Mit dem Blick über den Tag hinaus. |